Ficool

Chapter 2 - Kapitel 2

Ich hatte die gesamte Nacht nicht geschlafen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss und versuchte, in die vertraute Dunkelheit meines Zimmers zu flüchten, sah ich dieses Leuchten. Es war nicht das ferne, tröstliche Licht eines Leuchtturms, sondern das brennende, raubtierhafte Bernstein seiner Augen, das sich wie glühende Kohlen direkt in meine Netzhaut eingebrannt hatte. Ich hörte das Donnern der Wellen in meinen Ohren, selbst wenn es draußen totenstill war, und spürte die unnatürliche Hitze seiner Haut auf meiner Wange, als stünde er immer noch direkt vor mir.

​Es war eine Halluzination, Maya, redete ich mir am nächsten Morgen beim Frühstück gebetsmühlenartig ein, während ich völlig geistesabwesend in meinem Müsli rührte, bis die Flocken nur noch ein unappetitlicher Brei waren. Ein neurochemischer Kurzschluss. Sauerstoffmangel durch den extremen Wind. Eine optische Täuschung durch die aufpeitschende Gischt und das schwindende Licht.

​Doch mein Körper strafte meine Logik Lügen. Meine Haut kribbelte immer noch an all den Stellen, an denen seine bloße Anwesenheit die Luft um mich herum elektrisiert hatte. Und dann war da dieser Name, der wie ein unaufhörliches Echo in meinem Kopf widerhallte, tiefer als jeder Donner: Levian.

​Als ich schließlich auf den staubigen Parkplatz der Blackwood High rollte, fühlte sich alles so widerlich, so schmerzhaft normal an. Das hässliche Quietschen der gelben Schulbusse, das dumpfe, rhythmische Wummern der Bässe aus den aufgemotzten Autos der Jungs, der vertraute, billige Geruch von Bodyspray, verbranntem Gummi und abgestandenem Automatenkaffee. Ich klammerte mich an diese Normalität wie eine Ertrinkende an ein zerbrechliches Floß. Ich wollte, dass heute einfach nur ein ganz gewöhnlicher, langweiliger Dienstag war. Ein Tag, an dem meine größten Sorgen die Mathe-Klausur oder das Wetter waren.

​„Maya! Erde an Maya!", riss mich Sophie, meine beste Freundin, unsanft aus meinen trüben Gedanken. Sie knallte ihre Spindtür mit einem metallischen Scheppern zu und musterte mich mit einem Blick, der viel zu wachsam für diese Uhrzeit war. „Du siehst aus, als hättest du die Nacht entweder mit einem Geist verbracht oder mit einer ganzen Flasche Tequila gekämpft. Was ist los mit dir? Du bist bleich wie eine Wand."

​„Nichts", log ich sofort, und mein Herz fing augenblicklich an, schmerzhaft gegen meine Rippen zu hämmern. „Ich habe nur mies geschlafen. Der Sturm hat die ganze Nacht gegen mein Fenster gepeitscht, du weißt schon."

​„Sicher doch", erwiderte sie skeptisch, hakte sich aber bei mir unter. „Komm, wir müssen zu Bio. Mr. Henderson hat heute diesen neuen Typen angekündigt, der mitten im Semester wechselt. Wahrscheinlich wieder irgendein reiches Söhnchen aus der Stadt, dessen Eltern ihn zur Strafe in unsere Küsten-Einöde verbannt haben."

​Ich nickte mechanisch und folgte ihr durch die überfüllten Flure in den Biologie-Raum. Der stechende Geruch nach Formaldehyd, Desinfektionsmittel und alten Schulbüchern schlug mir entgegen. Ich setzte mich auf meinen Stammplatz in der allerletzten Reihe, direkt am Fenster, von wo aus man an klaren Tagen einen winzigen, trügerischen Streifen des Meeres sehen konnte.

​Und dann, ohne Vorwarnung, blieb die Welt stehen.

​Er saß bereits da.

​Ganz hinten in der dunkelsten Ecke des Raumes, halb verborgen im Schatten der großen Schränke mit den anatomischen Modellen. Er saß dort mit einer unbeweglichen Gelassenheit, als würde er versuchen, mit der Dunkelheit der Schiefertafel zu verschmelzen. Er trug jetzt eine schwarze, abgetragene Lederjacke über einem schlichten dunklen Shirt, aber es gab kein Vertun. Er war es. Die breiten, kraftvollen Schultern, die markanten, fast schon zu perfekten Gesichtszüge und dieses raubtierhafte Profil, das so absolut und vollkommen deplatziert in diesem sterilen Klassenzimmer wirkte. Er sah aus wie ein schwarzes Loch, das alles Licht, jeden Sauerstoff und jede Aufmerksamkeit im Raum gnadenlos in sich aufsaugte.

​Er ist wirklich hier. Die Panik stieg wie kalte Galle in meiner Kehle auf. Das war keine Einbildung. Das gestern war real. Er ist real.

​Sophie stieß mich hart mit dem Ellbogen an und flüsterte so laut, dass es der halbe Raum hören musste: „Heilige Mutter Gottes, Maya… vergiss alles, was ich über reiche Söhnchen gesagt habe. Wer ZUM TEUFEL ist das? Er sieht aus wie eine Sünde, für die man freiwillig und ohne mit der Wimper zu zucken in die Hölle geht."

​Ich brachte kein Wort heraus. Ich starrte ihn einfach nur an, unfähig, meinen Blick abzuwenden. Und genau in diesem Moment, als hätte er meine Gedanken gespürt, drehte er langsam den Kopf.

​Sein Blick traf meinen mit der Wucht eines physischen Aufpralls. Es war kein flüchtiges Schauen, wie man einen Mitschüler ansieht – es war ein gezielter, präziser Angriff auf meine Sinne. Seine Augen waren im Neonlicht der Klasse jetzt etwas dunkler, eher wie schwerer, rauchiger Waldhonig statt des brennenden Bernsteins von gestern Nacht, aber die Intensität war dieselbe geblieben. Er lächelte nicht. Er starrte mich einfach nur an, mit einer kühlen, fast schon grausamen Arroganz, die mir unmissverständlich klarmachte: Ich weiß genau, dass du mich beobachtest. Und ich weiß genau, dass du mein wahres Gesicht gesehen hast.

​Den Rest der Stunde verbrachte ich in einem Zustand völliger Taubheit. Ich hörte Mr. Hendersons Stimme nur wie ein fernes Rauschen, als käme sie von unter Wasser. Ich spürte seinen Blick ununterbrochen auf meinem Nacken brennen, wie eine glühende Berührung, die mich nicht mehr losließ. Er machte sich keine einzige Notiz. Er bewegte sich kaum. Er saß einfach nur da und atmete – oder tat zumindest so überzeugend so, als würde er es tun.

​Als die Glocke endlich zur großen Pause läutete, wollte ich nur noch fliehen. Ich stopfte meine Bücher so hastig in den Rucksack, dass eine Seite einriss, und stürmte aus dem Raum, Sophie völlig ignorierend, die mir verwirrt und fluchend hinterherrief. Ich brauchte Sauerstoff. Ich musste weg von ihm, weg von diesem seltsamen Geruch nach Ozon und Gefahr, den ich mir inzwischen sicher nur noch einbildete.

​Ich bog hastig um die Ecke zum hinteren Notausgang der Turnhalle, dorthin, wo um diese Zeit niemand war. Ich lehnte mich gegen die kalte, raue Ziegelwand und versuchte verzweifelt, meine flache Atmung unter Kontrolle zu bringen.

​Eins, zwei, drei… tief einatmen… es ist nur ein Junge… nur ein verdammt hübscher Junge…

​„Du läufst ziemlich schnell für jemanden, der gestern noch so todesmutig an der Kante des Abgrunds stand."

​Ich wirbelte herum, mein Herz stolperte gefährlich. Er war da. Schon wieder. Er lehnte mit lässig verschränkten Armen an einem Betonpfeiler, keine zwei Meter von mir entfernt. In dem harten, unvorteilhaften Licht der Flurbeleuchtung wirkte seine Haut noch makelloser, fast schon unnatürlich glatt und feinporig.

​„Wer bist du wirklich?", presste ich hervor. Meine Stimme zitterte merklich, und ich hasste mich in diesem Moment abgrundtief dafür.

​Levian machte einen einzigen, geschmeidigen Schritt auf mich zu. Er war groß, viel massiver und beeindruckender, als ich ihn in der Dunkelheit der Klippen in Erinnerung hatte. Er baute sich direkt vor mir auf, nahm mir das Licht und den Raum zum Atmen. Ich war gefangen zwischen dem harten Stein der Wand und der sengenden Hitze, die von ihm ausging – diese unmenschliche, beängstigende Wärme, die wie eine Aura um ihn lag.

​„Ich bin dein schlimmster Albtraum, Maya", flüsterte er, und seine Stimme war so tief, dass sie meine Knochen zum Vibrieren brachte. Sein Blick glitt langsam, fast quälend, zu meinem Mund und dann wieder zurück in meine Augen. „Oder dein schönster. Das liegt ganz allein bei dir."

​Er hob langsam eine Hand und strich mir mit dem Handrücken über die Wange. Seine Haut fühlte sich an wie polierter, heißer Marmor. Ich zuckte nicht zurück. Ich konnte nicht. Mein Körper war wie gelähmt vor Schreck und einer dunklen Faszination, die ich nicht benennen konnte.

​„Was willst du hier? An dieser Schule?", fragte ich atemlos, während mein Verstand schrie, ich solle weglaufen.

​„Ich nehme mir nur das zurück, was die Gezeiten mir versprochen haben", antwortete er kryptisch. Er kam noch ein Stück näher, bis sein Atem mein Ohr streifte. Er roch nach verbotener Süße, nach Salz und einer Gefahr, die so süchtig machte, dass man sie nicht mehr loslassen wollte. „Du hast mich am Strand beobachtet, Maya. Du hast Dinge gesehen, die deinen kleinen Verstand eigentlich sprengen sollten. Ein normales Mädchen würde jetzt schreien oder die Polizei rufen. Aber du… du willst mehr wissen, nicht wahr?"

​Er zog sich plötzlich zurück, ein spöttisches, fast schon mitleidiges Grinsen auf den Lippen, das seine scharfen Eckzähne gerade so weit entblößte, dass es wie eine offene Drohung wirkte.

​„Triff mich heute Nacht am alten Leuchtturm", sagte er, während er bereits rückwärts wieder in den Schatten des langen Flurs trat. „Komm allein. Und bring dein kleines, dunkles Geheimnis mit, das du so tief in deinem Blut versteckst. Ich kann es riechen, Maya. Es schreit lauter als dein erbärmlicher Herzschlag."

​Bevor ich auch nur ein Wort erwidern konnte, war er im dichten, lärmenden Treiben der Schüler verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt. Ich stand zitternd und allein im kalten Schatten der Turnhalle, und zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich keine Angst vor dem Monster, das in der Dunkelheit lauerte. Ich hatte schreckliche Angst davor, dass ich ihm folgen würde.

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