Ficool

Goldener Fluch- Er ist das Licht, das dich verbrennt

Lina_Donwen
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Synopsis
Nichts in Blackwood Bay ist so gefährlich wie die Stille vor dem Sturm.​Die 17-jährige Maya liebt die Einsamkeit der rauen Nordseeküste. Doch als sie an einem stürmischen Abend dem mysteriösen Levian begegnet, ändert sich alles. Er ist kein gewöhnlicher Fremder. Mit seiner unnatürlichen Geschwindigkeit, seiner golden schimmernden Haut und Augen, die wie flüssiger Bernstein brennen, zieht er Maya in einen Bann, dem sie nicht entkommen kann.​Levian ist ein Wesen der Gezeiten, ein Vampir, der seine Kraft nicht aus der Dunkelheit, sondern aus dem Licht zieht. Doch seine Schönheit ist ein tödlicher Trugschluss. Er trägt einen uralten Fluch in sich, der ihn an den Rhythmus des Meeres bindet – und Maya ist der Schlüssel zu seiner Erlösung oder seinem endgültigen Untergang.​Während Maya versucht, das Geheimnis hinter Levians Existenz zu entschlüsseln, merkt sie schnell, dass sie kein zufälliges Opfer ist. Ihre eigene Familiengeschichte ist enger mit den Schatten von Blackwood Bay verknüpft, als sie je geahnt hätte. In einer Welt, in der ein einziger Biss die Ewigkeit bedeutet, muss Maya entscheiden: Kämpft sie gegen die verbotene Anziehungskraft an oder lässt sie sich von dem Licht verbrennen, das in Levians Augen leuchtet?
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Chapter 1 - Kapitel 1

​Die Luft in Blackwood Bay schmeckte heute nicht nur nach Salz; sie schmeckte nach einer herannahenden Katastrophe. Der Wind, der sonst nur über die Dünen fegte, war zu einem unberechenbaren Heulen angewachsen, das die kargen Kiefern an den Klippen wie zerbrechliche Streichhölzer bog. Es war die Art von Kälte, die sich nicht einfach mit einer dicken Jacke abstreifen ließ. Sie war tückisch. Sie kroch unter die Haut, suchte sich ihren Weg durch die Nähte meiner Kleidung und nistete sich tief in meinen Knochen ein, während sie mir bei jedem Atemzug zuflüsterte, dass ich hier draußen eigentlich nichts zu suchen hatte.

​Ich liebte diese Einsamkeit.

​Während die anderen Mädchen aus meiner Stufe sich in der einzigen, neonbeleuchteten Mall der Stadt trafen, um bei überteuerten Kaffees über den kommenden Abschlussball oder ihre neuesten, austauschbaren Eroberungen zu kichern, zog es mich hierher. Die Menschen in der Stadt waren mir zu laut, ihre Sorgen wirkten auf mich so furchtbar gewöhnlich, fast schon trivial. Wenn ich hier oben am Abgrund stand, wo die Welt endete, und zusah, wie die Nordsee mit einer fast schon brutalen, urzeitlichen Gewalt gegen den schwarzen Fels peitschte, war das der einzige Moment, in dem das ständige Rauschen in meinem eigenen Kopf endlich verstummte.

​Heute war der Himmel in ein unnatürliches, tiefes Violett getaucht, als hätte jemand eine riesige Menge Tinte in die Wolken gegossen. Ein Sturm von biblischen Ausmaßen zog auf, das spürte ich in jeder einzelnen Faser meines Körpers. Die statische Elektrizität in der Luft war so stark, dass die feinen Härchen an meinen Armen aufstanden und meine Haut bei jeder Bewegung unangenehm kribbelte.

​Geh zurück, Maya, mahnte mich die kleine, vernünftige Stimme in meinem Hinterkopf, die von Minute zu Minute leiser wurde. Geh, bevor die Flut den schmalen Pfad zu den Klippen endgültig abschneidet.

​Doch ich rührte mich nicht. Meine Stiefel waren fest in den feuchten Boden gepresst, als hätte ich selbst Wurzeln geschlagen. Und dann sah ich ihn.

​Zuerst hielt ich es für eine optische Täuschung, für einen grausamen Streich, den mir meine Sinne im tobenden Chaos des Wassers spielten. Ein Stück Treibholz, dachte ich, das von den Wellen hochkant gegen das Riff geschleudert worden war. Aber Holz bewegte sich nicht mit dieser unheimlichen, fließenden Anmut. Mitten in der mörderischen Brandung, dort, wo das Wasser tief, dunkel und tödlich war, stand eine Gestalt.

​Mein Herz setzte einen Schlag aus, und für einen Moment hörte ich sogar das Donnern der Wellen nicht mehr. Wollte er sich umbringen? Ein normaler Mensch wäre von dieser Strömung innerhalb von Sekunden gegen die scharfkantigen Felsen zerschmettert worden. Doch er stand da, vollkommen unbeweglich, als wäre er ein fester Teil der Gezeiten selbst, ein Anker in der tosenden See.

​Er trug nur ein weißes Leinenhemd, das völlig durchnässt an seinem Oberkörper klebte und jede Kontur seiner Muskeln preisgab. Trotz des eisigen Windes und der Gischt, die mir ins Gesicht peitschte, spürte ich, wie mir eine plötzliche Hitze in die Wangen stieg. Er war... unmöglich. Seine Schultern waren breit, sein Rücken bildete eine einzige, harte Linie aus Sehnen und Kraft, die sich unter dem nassen Stoff abzeichnete. Er sah verdammt heiß aus – auf eine Art und Weise, die nicht in diese graue, triste Welt von Blackwood Bay passte. Seine Haut wirkte in dem fahlen Licht nicht blass oder tot, sondern seltsam lebendig, fast so, als würde sie ein inneres, verborgenes Licht einfangen und es sanft wieder abgeben.

​Als er sich schließlich mit einer quälend langsamen Bewegung zu mir umdrehte, vergaß ich schlichtweg, wie man atmet.

​Sein Gesicht besaß eine Symmetrie, die fast schon schmerzhaft war, als hätte ein Bildhauer Jahrhunderte damit verbracht, jede Linie zu perfektionieren. Sein Haar war dunkelblond, zerzaust vom tobenden Sturm, und kleine Salzkristalle glitzerten wie winzige Diamanten in den nassen Strähnen. Doch es waren seine Augen, die mich völlig aus der Fassung brachten. Sie leuchteten nicht nur; sie brannten. Es war kein bloßes Spiegeln des letzten, sterbenden Tageslichts – sie leuchteten von innen heraus wie flüssiger Bernstein, heiß und unberechenbar.

​In seinem Blick lag etwas Hungerndes, etwas uraltes und Raubtierhaftes, das so gar nicht zu seinem jungen, makellosen Gesicht passten wollte. Er schenkte mir kein freundliches Lächeln. Er zog lediglich die Mundwinkel zu einem schiefen, gefährlichen Grinsen nach oben, das eine winzige Lücke zwischen seinen Zähnen offenbarte. Und dann sah ich sie – nur für einen Sekundenbruchteil, als der Wind seine Haare aus dem Gesicht peitschte: Die Spitzen seiner Eckzähne waren schärfer und länger, als sie bei einem Menschen sein dürften. Es war das Schönste und zugleich Furchteinflößendste, was ich je gesehen hatte. Ein Raubtier, das gerade bemerkt hatte, dass es nicht mehr allein im Revier war.

​„Du solltest nicht hier sein, wenn die Flut kommt", sagte er.

​Seine Stimme war kein gewöhnlicher Klang. Sie war tief, ein raues Grollen, das ich nicht nur mit den Ohren hörte, sondern als physische Vibration in meinem gesamten Brustkorb spürte. Es klang wie Sandpapier auf feinster Seide – rau, gefährlich und seltsam berauschend.

​Ich öffnete den Mund, um zu antworten, um ihn zu fragen, ob er verrückt sei oder Hilfe brauche, doch bevor ich auch nur einen einzigen Laut hervorbringen konnte, geschah das Unmögliche.

​In einem bloßen Wimpernschlag war er weg.

​Mein menschliches Gehirn weigerte sich, die Bewegung zu verarbeiten. Da war kein Laufen, kein Springen, kein Schwimmen. Er war an einem Punkt verschwunden und im nächsten Moment stand er direkt vor mir oben auf dem Felsvorsprung. Er war so nah, dass ich die unglaubliche Hitze spüren konnte, die von seinem massiven Körper ausging, obwohl er gerade erst dem eiskalten Atlantik entstiegen war. Er roch nach Ozon, nach dem schweren Duft von heraufziehendem Regen und einer dunklen, süßlichen Note, die mich augenblicklich schwindelig machte. Es war wie ein Parfüm, das man nicht einatmen durfte, ohne sofort süchtig zu werden.

​Levian – ich wusste nicht, woher dieser Name plötzlich in mein Bewusstsein drang, vielleicht hatte ich ihn im Heulen des Windes flüstert gehört oder er war direkt in meine Gedanken gesprungen – neigte den Kopf leicht zur Seite. Sein intensiver Blick glitt langsam, fast schon zärtlich, von meinen Augen hinunter zu meiner Kehle, wo mein Puls unter der Haut flatterte wie ein eingesperrter Vogel. Es war kein rein sexueller Blick. Es war der Blick eines Jägers, der eine Beute begutachtete, die viel zu wertvoll und viel zu selten war, um sie einfach sofort zu reißen.

​„Die Ebbe ist vorbei", flüsterte er, und seine Stimme vibrierte durch mein gesamtes Skelett bis in meine Fingerspitzen. „Und ich habe seit einer halben Ewigkeit nichts mehr gesehen, das so unerträglich… lebendig aussieht wie du."

​Ein heftiger Schauer lief über meinen Rücken, aber es war keine Kälte, die mich zittern ließ. Es war ein elektrisierendes Prickeln, eine letzte Warnung meines Instinkts, die in diesem Moment jedoch in einem Strudel aus purem Verlangen unterging. In diesem Augenblick wusste ich es: Mein Leben, so wie ich es bisher gekannt hatte – sicher, langweilig und vorhersehbar – war gerade in den dunklen, gierigen Fluten der Nordsee versunken. Und was auch immer dieses Wesen vor mir war, es würde mich nie wieder ganz loslassen.