Ficool

Chapter 4 - Kapitel 4

​Ich stolperte aus dem Leuchtturm, meine Beine fühlten sich an wie weiches Wachs, das in der Hitze zu schmelzen drohte. Die Stelle an meinem Hals, an der seine Lippen – seine Zähne – die nackte Haut berührt hatten, pulsierte im unerbittlichen Takt meines rasenden Herzens. Es war kein Schmerz, den er hinterlassen hatte. Es war ein Nachbeben, eine elektrische Spur, die er direkt in mein Nervensystem gebrannt hatte, ein unsichtbares Brandmal, das mich lauter rief als jeder Name.

​Luminis.

​Das Wort hallte in meinem Kopf wider wie ein Urteil, das in einer vergessenen Sprache gesprochen worden war. Zu Hause angekommen, ignorierte ich das mahnende, rhythmische Ticken der Wanduhr im dunklen Flur, das mich wie ein Metronom der Angst verfolgte. Ich stürmte in mein Zimmer, riss die alte, schwer fassbare Holzschatulle meiner Großmutter wieder auf und leerte den doppelten Boden aus, den ich in all den Jahren blind vor Desinteresse übersehen hatte.

​Heraus fiel ein schmales, in tiefdunkles, fast schwarzes Leder gebundenes Notizbuch. Die Seiten waren so brüchig und vergilbt, dass sie beim bloßen Umblättern fast unter meinen zitternden Fingern zerfielen. Der Geruch nach altem Papier und getrocknetem Lavendel schlug mir entgegen.

​„Sie nennen uns die Bewahrer des Lichts", las ich die geschwungene, hastige Handschrift meiner Urgroßmutter, die an manchen Stellen von getrockneten Tränen verschwommen war. „Doch Licht ist in dieser Welt kein Geschenk. Es ist ein mörderischer Köder. Unser Blut ist die einzige Substanz auf Erden, die das unstillbare Verlangen der Gezeiten-Wandler für einen Moment bändigen kann – oder sie endgültig in den blutigen Wahnsinn treibt. Wer von unserem Blut trinkt, wird an uns gebunden. Eine ewige Kette aus Gold und Schmerz, die niemals bricht. Maya, wenn du dies liest: Traue niemals dem Leuchten in ihren Augen. Es ist der Hunger, der dich ansieht, niemals die Liebe. Wir sind für sie nur Gefäße der Ewigkeit."

​Ich ließ das Buch fallen, als hätte es mich physisch verbrannt.

​Ein Köder. Ich war für Levian kein Mädchen. Ich war eine Droge. Eine lebendige Batterie für sein unendliches Leben. Kein Wunder, dass er mich an den Klippen nicht einfach getötet hatte. Er wollte nicht nur mein Leben – er wollte die Macht, die in meinen Adern floss wie geschmolzene Sonne.

​Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie ein Schatten meiner selbst. Ich versuchte, in der Schule so unauffällig wie möglich zu bleiben, mich in der grauen Masse der Schülerschaft aufzulösen, aber es war hoffnungslos. Überall sah ich Schatten, die sich unnatürlich bewegten, überall glaubte ich, diesen beißenden Geruch nach Ozon und heraufziehendem Sturm wahrzunehmen.

​In der Mittagspause suchte ich die alte Schulbibliothek auf, den einzigen Ort, an dem die Stille dick genug war, um sich darin zu verstecken. Ich saß in einer abgelegenen Ecke zwischen verstaubten Lexika und verlassenen Regalen, als die Luft plötzlich die Temperatur änderte. Die Kälte schlug mir entgegen, noch bevor ich ihn überhaupt sah. Sie war so eisig, dass mein Atem als kleiner Nebelschleier vor meinem Mund aufstieg.

​„Du hast in den alten Papieren gewühlt, nicht wahr?", erklang seine Stimme direkt hinter mir.

​Levian saß auf dem Tisch gegenüber von mir, die Beine lässig überschlagen, als gehöre ihm der gesamte Raum. Er trug einen grauen Kapuzenpulli, der ihn fast menschlich wirken ließ – wären da nicht diese Augen gewesen, die mich förmlich sezierten und jeden meiner Gedanken offenzulegen schienen.

​„Warum hast du mir nicht gesagt, was ich wirklich bin?", zischte ich leise, um die Bibliothekarin am anderen Ende des Raumes nicht zu wecken. Meine Finger klammerten sich so fest um meine Schultasche, dass meine Knöchel weiß hervortraten.

​„Hätte es einen Unterschied gemacht?", konterte er und beugte sich langsam vor. Sein Gesicht war jetzt so nah, dass ich die feinen, goldenen Sprenkel in seiner Iris zählen konnte, die wie ferne Sterne funkelten. „Du hättest mir sowieso nicht geglaubt. Dein Blut ist wie ein Leuchtfeuer in dieser tristen, grauen Stadt, Maya. Du hast keine Ahnung, wie viele von meiner Art heute Nacht den Wind gewittert haben, als du am Leuchtturm warst. Du bist hier nicht mehr sicher. Niemand von euch ist es."

​„Wegen dir?", fragte ich provokant, obwohl mein Herz wie verrückt raste.

​Er lachte, aber es war ein freudloses, hartes Geräusch, das wie berstendes Eis klang. „Wegen mir bist du am sichersten. Ich bin der Einzige, der noch weiß, wie man einen Luminis vor der Welt versteckt. Aber mein Schutz hat einen Preis, den du vielleicht nicht bereit bist zu zahlen."

​Er griff blitzschnell nach meiner Hand und zog sie zu sich herüber auf den Tisch. Sein Daumen strich beinahe zärtlich über den geheilten Schnitt an meinem Finger, und dort, wo er mich berührte, brannte meine Haut. „Dein Blut bindet mich an dich, Maya. Aber es macht mich auch unkontrolliert abhängig. Jedes Mal, wenn ich dich sehe, wenn ich dich rieche, wird der Hunger schlimmer. Und irgendwann werde ich nicht mehr um Erlaubnis fragen."

​„Was für ein Preis?", flüsterte ich atemlos. Der Lärm der Schule draußen auf dem Flur schien meilenweit entfernt zu sein.

​„Vertrauen", sagte er mit einem Ernst, der mich erschütterte. „Du musst mir folgen. Weg von hier. Weg von deiner Freundin, weg von deinem bequemen, kleinen Leben. Die Jäger sind bereits auf dem Weg nach Blackwood Bay. Sie haben dein Erwachen in den Gezeiten gespürt wie einen Paukenschlag."

​In genau diesem Moment klirrte eine Fensterscheibe am anderen Ende der Bibliothek mit einem ohrenbetäubenden Geräusch. Kalter, aschefarbener Nebel quoll mit unnatürlicher Geschwindigkeit in den Raum, obwohl draußen eigentlich strahlender Sonnenschein hätte sein müssen.

​Levian sprang mit einer raubtierhaften Geschmeidigkeit auf, seine ganze Haltung veränderte sich innerhalb einer Sekunde. Er war kein attraktiver Mitschüler mehr. Er war eine Kreatur des Krieges, die die Zähne fletschte. Seine Augen brannten nun so hell, dass sie den Nebel fast durchschnitten.

​„Sie sind schneller, als ich es für möglich gehalten hätte", knurrte er, und seine Stimme war nun ein tiefes, bedrohliches Grollen. Er packte mich hart am Oberarm und riss mich von meinem Stuhl hoch. „Lauf, Maya. Und bleib verdammt noch mal direkt hinter mir, wenn dir dein Leben und deine Seele lieb sind."

​Bevor ich fragen konnte, wer „sie" überhaupt waren, sah ich eine Gestalt im Nebel schemenhaft Gestalt annehmen. Sie war bleich, völlig ohne das warme, goldene Leuchten, das Levian umgab. Sie sah aus wie der personifizierte Tod, mit Augen, die so leer und bodenlos waren wie schwarze Löcher im All.

​„Das Gold gehört uns, Verräter", krächzte die Gestalt mit einer Stimme, die wie trockenes Laub auf einem Grab klang.

​Levian stellte sich schützend vor mich, seine Muskeln gespannt wie Stahlfedern. Seine Haut fing an, in einem intensiven, fast blendenden Goldton zu glühen, der den Schatten im Raum den Kampf ansagte. „Nicht heute, Schattenfresser", entgegnete er mit einer Stimme, die wie rollendes Gestein klang.

​Der Kampf begann, bevor ich überhaupt realisieren konnte, dass mein normales Leben in diesem Moment unwiderruflich in Scherben zerfiel.

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