Ficool

Chapter 5 - Kapitel 5

Die Bibliothek der Blackwood High, die eben noch ein Ort des Lernens und der staubigen Stille gewesen war, verwandelte sich innerhalb von Sekunden in ein albtraumhaftes Schlachtfeld. Der aschefarbene Nebel quoll mit einer unnatürlichen Schwere durch die zerbrochenen Fensterscheiben und schlang sich wie gierige Finger um die Regale. Der Geruch nach Ozon wurde von einem beißenden Gestank nach verrottendem Laub und Kälte verdrängt.

​„Raus hier, Maya! Lauf zum Parkplatz!", brüllte Levian. Seine Stimme war kein menschlicher Laut mehr; sie klang nach dem unerbittlichen Grollen der Brandung gegen die Klippen.

​Bevor ich auch nur einen Schritt tun konnte, bewegte er sich. Levian war kein Mensch, der kämpfte – er war ein goldener Blitz, eine Naturgewalt, die mit einer Geschwindigkeit einschlug, der meine Augen nicht folgen konnten. Er prallte mitten in der Luft gegen den bleichen Schatten-Vampir. Das Krachen, mit dem sie gegen die massiven Eichenregale prallten, war ohrenbetäubend. Holz splitterte wie Glas, und hunderte von Büchern flogen wie aufgeschreckte, papierne Vögel durch die Luft, während die beiden Kreaturen in einem Knäuel aus Licht und Dunkelheit über den Boden schlitterten.

​Ich rannte. Meine Lungen brannten, als hätte ich flüssiges Blei eingeatmet, und mein Herz schlug mir so heftig gegen die Kehle, dass ich kaum noch Luft bekam. Ich stieß die schwere Flügeltür zum Flur auf und stolperte hinaus auf den Parkplatz. Doch die Welt draußen war nicht mehr dieselbe, die ich vor einer Stunde verlassen hatte.

​Der Himmel über Blackwood Bay war von einem unnatürlichen, schmutzigen Grau überzogen, obwohl es eigentlich Mittag hätte sein müssen. Die Vögel, die sonst immer in den Bäumen vor der Schule lärmten, schwiegen beharrlich. Die Luft war so still, dass man das Fallen eines Blattes hätte hören können – oder das schleifende Geräusch von Schritten, die keine Spur hinterließen.

​Ein eiskalter Windstoß traf mich im Rücken, so heftig, dass ich fast das Gleichgewicht verlor. Ich wirbelte herum, die Finger in meine Schultasche gekrallt, doch da war niemand. Nur ein Schatten, der sich auf dem Asphalt unnatürlich lang und dünn in meine Richtung zog, entgegen dem Stand der unsichtbaren Sonne.

​„Du riechst nach flüssiger Sonne, kleines Licht", flüsterte eine Stimme direkt an meinem Ohr, so kalt und trocken wie der Atem eines Toten.

​Ich schrie auf und wollte zurückweichen, doch meine Füße fühlten sich an, als wären sie im Teer des Parkplatzes festgefroren. Doch bevor die knöchernen Finger des Schattens mein Gesicht berühren konnten, schlug etwas Schweres mit der Wucht eines Meteoriteneinschlags direkt neben mir ein.

​Levian war aus dem Fenster im ersten Stock gesprungen und mit einer Wucht gelandet, die den Asphalt unter seinen Stiefeln splittern ließ. Er sah mitgenommen aus; seine Lederjacke war an der Schulter zerfetzt, und an seiner Schläfe floss ein zäher Tropfen Blut herab. Aber es war nicht scharlachrot wie das Blut der Schüler, die im Gebäude ahnungslos in ihren Klassen saßen – es war von einem leuchtenden, dunklen Gold, das im fahlen Licht fast wie geschmolzene Bronze wirkte.

​Er packte mich hart an der Taille, hob mich fast vom Boden hoch und riss mich mit sich zu seinem Wagen, einem schwarzen, tief liegenden Oldtimer, der wie ein geducktes Raubtier in der hintersten Ecke des Parkplatzes lauerte.

​„Einsteigen! Jetzt!", befahl er, während er mich auf den Beifahrersitz stieß und die Tür zuschlug.

​Er sprang hinter das Steuer, und der Motor heulte mit einem animalischen Brüllen auf, das die Stille der Stadt zerriss. Mit quietschenden Reifen jagte er den Wagen vom Schulgelände, während ich mich krampfhaft am Haltegriff festbiss.

​„Wer zum Teufel war das? Was wollten sie von mir?", schrie ich gegen den Lärm des Motors an. Meine Hände zitterten so stark, dass ich sie unter meinen Oberschenkeln vergraben musste.

​Levian starrte starr und unnachgiebig auf die Straße, seine Knöchel traten weiß und scharf hervor, so fest umklammerte er das Lenkrad. Seine Augen waren immer noch in dieses gefährliche Bernstein getaucht, das nun im Rhythmus seines Zorns zu pulsieren schien.

​„Das waren die Aschenen", knurrte er, während er den Wagen mit lebensgefährlicher Geschwindigkeit durch die engen Kurven der Küstenstraße jagte. „Vampire, die das Licht in sich verloren haben. Sie sind nur noch Hüllen, Maya. Schatten, die nach dem gieren, was du in dir trägst. Dein Blut ist für sie wie eine uralte, heilige Batterie. Sie würden dich aussaugen, bis nur noch Staub von dir übrig ist, nur um für einen einzigen, erbärmlichen Tag wieder die Wärme der Sonne auf ihrer Haut zu spüren."

​„Und du?", fragte ich leise, während ich beobachtete, wie die vertrauten Häuser von Blackwood Bay zu einem grauen Streifen verschwammen. „Bist du anders als sie? Du willst mein Blut doch auch."

​Er warf mir einen kurzen, brennenden Blick von der Seite zu. Die Intensität in seinen Augen war so gewaltig, dass mir für einen Moment die Sicht verschwamm. „Ich bin schlimmer, Maya. Die Aschenen jagen aus Verzweiflung. Ich jage aus Wissen. Ich weiß wenigstens, wie köstlich das Licht schmeckt, bevor man es endgültig zerstört."

​Er riss das Lenkrad herum und bog hart auf einen schmalen, fast zugewachsenen Privatweg ab, der steil zu den Klippen hinaufführte. Dort, am äußersten Rand des Abgrunds, wo die Gischt des Meeres bis zu den Fenstern hochsprang, stand ein Gebäude, das ich hier noch nie gesehen hatte. Es bestand fast nur aus dunklem Glas und poliertem Stahl. Es wirkte nicht wie ein Haus, sondern wie eine schimmernde Festung, die über dem tobenden Meer schwebte.

​„Willkommen in meinem Gefängnis", sagte er heiser, als der Wagen mit einem Ruck zum Stehen kam. „Hier bist du sicher. Vorerst. Das Glas ist mit deinem Erbe versiegelt."

​Ich stieg mit wackeligen Knien aus und blickte auf das Haus. Das Glas spiegelte die wilden, schaumgekrönten Wellen wider, die tief unter uns gegen das Gestein hämmerten. Es war wunderschön, kalt und absolut isoliert. Genau wie der Mann, der neben mir stand.

​„Warum hilfst du mir wirklich, Levian?", fragte ich, während wir auf den massiven Eingang zugingen. Ich blieb stehen und sah ihn direkt an. „Ist es nur der Hunger nach meinem Blut? Benutzt du mich nur als Schild gegen die anderen?"

​Er blieb ebenfalls stehen, nur einen Atemzug von mir entfernt. Er drehte sich langsam zu mir um, und für einen winzigen Moment sah ich kein Monster in seinen Augen, sondern jemanden, der unendlich einsam und müde war, als trüge er die Last von Jahrhunderten auf seinen breiten Schultern. Er hob langsam die Hand und berührte mit den Fingerspitzen ganz vorsichtig die Stelle an meinem Hals, die er im Leuchtturm markiert hatte.

​„Vielleicht", flüsterte er, und seine Stimme klang plötzlich wie zerbrochenes Glas, „habe ich einfach nur vergessen, wie es sich anfühlt, nicht allein in der Dunkelheit stehen zu müssen. Und du, Maya… du leuchtest so hell, dass es fast wehtut."

​In diesem Moment, während der Wind um das Glashaus heulte, wusste ich nicht, wovor ich mehr Angst haben sollte: Vor den Schatten, die mich jagten, oder vor dem Licht, das mich in Levians Nähe zu verbrennen drohte

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