Ficool

Chapter 2 - Das Licht, das nur sie sehen kann

POV: Mira

Die Panik kam nicht.

Das war das Seltsamste von allem.

Mira saß im Schutt, zwölf Meter unter der Erde, mit einem Knöchel, der pochte wie ein zweites Herz, blutenden Handflächen und einer Taschenlampe, die in drei Minuten ganz ausgehen würde , und wartete darauf, dass ihr Körper tat, was er tun sollte. Zittern. Schreien. Zusammenbrechen.

Nichts.

Stattdessen war da diese merkwürdige, kalte Ruhe. Als hätte ein Teil von ihr schon vor Stunden gewusst, dass der Tag so enden würde. Nicht hier, nicht genau so, aber irgendwo unten. Irgendwo, wo niemand sie sehen konnte.

Du bist okay, sagte sie sich. Nicht laut. Nur im Kopf. Knochen ganz. Herz schlägt. Du bist okay.

Dann leuchtete das Panel wieder auf.

Nicht das Erste, nicht das mit den vier Nullen, das Damon laut vorgelesen hatte wie eine Diagnose, während die Leute darum herum zuhörten. Das Zweite. Das, das sich geöffnet hatte, kurz bevor sie aufgehört hatte zu fallen, als hätte das System gewartet, bis sie unten war, um ihr zu zeigen, was es ihr zeigen wollte.

Mira richtete sich langsam, wegen des Knöchels, und las.

VERSTECKTE KLASSE: ARCHITEKTIN DES LETZTEN KÖNIGREICHS.FÄHIGKEIT 1: BASISBAUFÄHIGKEIT 2: RESSOURCENKARTIERUNGFÄHIGKEIT 3: BEVÖLKERUNGSBINDUNG.DIESE KLASSE IST EINMALIG. SIE WURDE NOCH NIE VERGEBEN.BAUE DEINE ERSTE STRUKTUR, UM ZU BEGINNEN.

Sie las es dreimal. Beim dritten Mal begann ihre Hand zu zittern, nicht vor Angst. Vor etwas anderem. Etwas, das sie noch nicht benennen konnte.

Einmalig stand da. Noch nie vergeben.

Damon hatte ihre Nullen laut vorgelesen und alle hatten es gehört. Der Mann mit den Narben Level 12, Sentinel, hatte sie in einer Sekunde abgeschrieben. Und das System hatte die ganze Zeit etwas in ihr versteckt, das noch niemand auf der Welt hatte.

Mira schluckte.

Sie tippte auf RESSOURCENKARTIERUNG.

Sofort veränderte sich alles. Die Kammer um sie herum, dunkel, feucht, ungemütlich, wurde auf ihrem Panel zu einer Karte. Nicht grob. Nicht ungenau. Präzise wie ein Architektenentwurf, mit jedem Stein, jedem Hohlraum, jeder Lücke in den Wänden eingezeichnet. Und neben den Strukturen: Markierungen. Ressourcen. Stein, der stabil genug zum Bauen war. Eine Wasserader drei Meter tief in der östlichen Wand. Organisches Material im Boden alt, aber nutzbar.

Mira starrte auf die Karte.

Sie war Stadtplanerin gewesen. Junior, unterbezahlt, für Projekte eingeteilt, die niemand interessant fand. Drainage hier, Fundamentverstärkung da. Ihre Kollegen hatten Traumhochhäuser entworfen. Mira hatte Dinge gebaut, die unter der Erde verschwanden und trotzdem dafür sorgten, dass die Hochhäuser nicht sanken.

Das hier war nicht so anders.

Baue deine erste Struktur, um zu beginnen.

Sie schaute auf ihre Hände. Leer. Kein Werkzeug. Keine Materialien. Nur Stein um sie herum und die Karte auf ihrem Panel und

Das System antwortete, bevor sie die Frage zu Ende gedacht hatte.

Eine neue Option öffnete sich: MANUELLE STRUKTURERSTELLUNG. VERFÜGBARE MATERIALIEN IN REICHWEITE: 47 EINHEITEN STEIN. 12 EINHEITEN FESTERDE. WERKZEUG ERFORDERLICH: KEINES. ARCHITEKTIN-KLASSE ERMÖGLICHT DIREKTBAU.

Direktbau.

Sie musste es nur anfassen wollen.

Mira kroch zum nächsten großen Stein langsam, wegen des Knöchels , und legte beide Hände darauf. Das Panel zeigte ihr genau, wie er liegen musste. Welcher Winkel? Welcher Stein daneben? Wie die Last verteilt werden musste, damit die Wand hielt.

Sie fing an.

Es tat weh. Ihre Hände bluteten neu auf, und der Knöchel mochte das Gewicht nicht, und die Taschenlampe gab fünf Minuten später ganz auf, aber das System ließ die Karte leuchten, schwach, aber konstant, und das war genug.

Sie arbeitete im Dunkeln.

Sie wusste nicht, wie lange. Irgendwann hörte sie hinter sich ein Geräusch.

Weinen. Leise. Das Weinen von jemandem, der schon so lange weint, dass keine Lautstärke mehr übrig ist.

Mira hielt inne.

„Hallo?", sagte sie in die Dunkelheit.

Das Weinen stoppte.

Stille. Dann, vorsichtig: „Bist du ein Monster?"

„Nein." Mira drehte sich um, aber sie sah nichts. Zu dunkel. „Ich bin ein Mensch. Ich sitze im Schutt, genau wie du, vermutlich."

Eine Pause. Dann: „Warum baust du etwas?"

„Weil ich sonst nicht weiß, was ich tun soll."

Wieder eine Pause. Länger diesmal. Dann hörte Mira Bewegung, Schritte im Schutt, langsam, als würde jemand abwägen, ob Vertrauen sich gerade lohnt.

Der Junge trat ins schwache Licht ihres Panels.

Zehn Jahre vielleicht. Schmale Schultern, dreckiges Gesicht, ein Schnitt über der linken Augenbraue, der schon aufgehört hatte zu bluten. Beide Hände hielten einen kleinen Plastikdinosaur, einen Stegosaurus, grün, ein Bein fehlte. Er schaute sie an, und sein Blick war nicht kindlich ängstlich. Er war alt. Der Blick von jemandem, der heute schon zu viel gesehen hatte.

Er schaute kurz auf ihr Panel. Sah die Zahlen. Sah die neue Oberfläche darunter.

Er sagte nichts über die Nullen.

„Weißt du, wie man Feuer macht?", fragte er.

Mira schaute auf ihr Panel. Auf die Karte. Auf die Ressourcenmarkierungen, die ihr zeigten, was in diesem Raum möglich war.

Dann schaute sie den Jungen an.

„Ja", sagte sie. „Das weiß ich."

Er setzte sich ohne weitere Frage neben sie. Einfach so. Als wäre das entschieden. Als wäre sie seine Person jetzt, weil sie die einzige Person war.

„Ich bin Ren", sagte er.

„Mira."

„Magst du Dinosaurier?"

„Ich weiß es noch nicht."

„Das ist eine ehrliche Antwort." Er schaute auf seinen Stegosaurus. „Er heißt Bruno. Ihm fehlt ein Bein, aber das macht ihn nicht schlechter."

Mira baute weiter, und Ren hielt Bruno und schaute zu, und nach einer Weile fing er an zu helfen, nicht mit den schweren Steinen, aber er zeigte ihr, wo das System Markierungen anzeigte, die sie vom Boden aus nicht sehen konnte. Er sah das Panel. Er sah alles, was sie sah. Das war seltsam. Hana würde es später auch sehen können, und Theo und alle, die sich der Basis anschlossen.

Nur die Architektur. Nicht die Klasse. Nicht den Titel.

Die erste Wand stand nach, sie schätzte zwei Stunden. Keine schöne Wand. Schief, uneben, drei Steine tiefer als geplant. Aber das System erkannte sie an.

ERSTE STRUKTUR ABGESCHLOSSEN: PROVISORISCHE MAUER.ERFAHRUNGSPUNKTE: +10ARCHITEKTIN LEVEL: 2NEUE OPTION VERFÜGBAR: WASSERFILTRATION STUFE 1

Mira starrte auf die zehn Erfahrungspunkte.

Dann lachte sie.

Laut, hell, unkontrolliert, das kam aus einer Stelle in ihr, die schon zu lange still gewesen war. Es hallte von den Wänden zurück und füllte die ganze Kammer, und Ren schaute sie an wie jemanden, der vielleicht leicht verrückt war, aber auf eine Art, die er okay fand.

„Gut", sagte er. „Du brauchst das."

Mira wischte sich die Augen nicht mit Tränen, nur die Nachwirkung des Lachens, und schaute auf ihr Panel, um die nächste Option anzuwählen.

Dann fror das Panel ein.

Nicht kaputt. Eingefroren. Als würde das System etwas verarbeiten, das größer war als eine normale Meldung.

Drei Sekunden.

Fünf.

Dann explodierte das Panel in weißem Licht, und eine Meldung erschien nicht nur auf Miras Panel. Das spürte sie sofort. Das war kein persönliches Update. Das war etwas, das nach außen ging.

SYSTEMWEITE MELDUNG AN ALLE ÜBERLEBENDEN:NEUE KLASSE AKTIVIERT: ARCHITEKTIN DES LETZTEN KÖNIGREICHS.STATUS: AKTIV.KOORDINATEN: UNBEKANNT.DIES IST DIE ERSTE UND EINZIGE ARCHITEKTIN. ALLE ÜBERLEBENDEN WERDEN BENACHRICHTIGT.

Mira las die Meldung.

Las sie nochmal.

Das System hatte gerade jedem Überlebenden auf dem Kontinent gesagt, dass sie existierte.

Jeden Kämpfer. Jeden Räuber. Jeden, der eine sichere Basis suchte, und jeden, der eine nehmen wollte.

Ren schaute auf ihr Panel. Dann auf sie. „Ist das gut?"

Mira dachte an Damon. An seine siebenunddreißig Männer. An den Mann mit den Narben und dem Urteil in einer Sekunde.

„Noch nicht", sagte sie leise.

Und irgendwo auf der Oberfläche, in einem verlassenen Industriegebäude, hielt ein Mann mit einem silbernen Level-12-Panel inne und las die systemweite Meldung ein zweites Mal.

Koordinaten: unbekannt.

Seine Augen verengten sich.

Er würde sie finden.

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