Ficool

Chapter 4 - Die Frau, die fragte statt zu urteilen

POV: Mira

Die Frau fiel nicht elegant.

Sie kam durch den Spalt wie jemand, der schon zu lange kämpfte, um noch auf Würde zu achten, Arme zuerst, dann Schultern, dann der Rest, und landete auf dem Boden der Kammer mit einem Laut, der halb Schmerz und halb Erleichterung war. Sie blieb kurz liegen. Atmete. Dann rollte sie sich auf den Rücken und schaute nach oben, wo der rote Himmel durch den Spalt leuchtete.

„Geschlossen", sagte sie zu niemandem. „Bitte lass es geschlossen sein."

Als würde der Spalt ihr antworten wollen, fiel ein kleiner Stein herunter. Die Frau seufzte.

Mira stand drei Meter entfernt und wartete.

Der Finger schwebte noch über dem Bestätigen-Knopf auf ihrem Panel. Die Meldung war noch da: Bindungsaktivierung sendet Standortsignal an alle Systemnutzer über Level 10. Sie hatte nicht bestätigt. Noch nicht. Sie schaute auf die Frau auf dem Boden und wartete darauf, dass ihr Panel die feindliche Absicht klärte.

Das Panel wechselte von Orange auf Grün.

KEINE FEINDLICHE ABSICHT ERKANNT. ÜBERLEBENDE: HANA BERG, 34. KLASSE: HEILERIN, STUFE 1. KAMPFWERTE: 0. HEILUNGSPOTENZIAL: HOCH.

Heilerin. Null Kampfwerte. Die Frau auf dem Boden war genauso wehrlos wie Mira und hatte trotzdem etwas, das Mira nicht hatte.

Hana setzte sich auf und sah Mira zum ersten Mal richtig an.

Dann sah sie das Panel. Miras Panel. Die vier Nullen oben Mira hatte sie nicht ausgeblendet, hatte nie daran gedacht und darunter die neue Oberfläche, die Klasse, die Karte, die Strukturoptionen.

Hana sagte nichts über die Nullen.

Sie schaute sich stattdessen um. Die Wände. Das Dach. Die Ecke, die in einer Nacht entstanden war. Das leise Rieseln von Wasser, das irgendwo tief in der östlichen Wand begann, sich seinen Weg zu bahnen.

„Du hast das hier in einer Nacht gebaut?", fragte sie.

Ihre Stimme klang nicht ungläubig. Eher wie jemand, der eine Zahl zweimal nachrechnet, nicht weil er ihr nicht glaubt, sondern weil sie so groß ist, dass er sichergehen will.

Mira nickte.

Hana schaute sie noch einen Moment lang an. Dann setzte sie sich ordentlich hin, legte die Hände auf die Knie und fragte: „Was kann ich tun?"

Mira öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.

Seit dem System-Tag , seit Damon ihre Werte vorgelesen hatte, seit der Mann mit den Narben sein Urteil gefällt hatte, seit sie gefallen war und allein in der Dunkelheit gesessen hatte , hatte jemand gefragt, was sie brauchte. Nicht was sie war. Nicht was sie nicht war. Was sie brauchte.

Es war eine einfache Frage.

Mira schluckte. „Kannst du Wunden versorgen?"

Hana schaute auf Miras Hände. Die blutgetrockneten Handflächen, die Schnittwunden von den Steinen, den Knöchel, den Mira vergessen hatte zu schonen, weil Arbeit wichtiger war.

„Das ist das Erste, was ich tun werde", sagte Hana und stand auf.

Ren schaute aus seiner Ecke zu. Er hielt Bruno und beobachtete Hana mit dem konzentrierten Blick eines Kindes, das entscheidet, ob jemand vertrauenswürdig ist. Nach ungefähr dreißig Sekunden nickte er leicht für sich selbst. Entschieden.

Hana arbeitete schnell und ruhig. Sie hatte ein kleines Erste-Hilfe-Kit in ihrer Jackentasche , halb leer, aber da und ihre Hände zitterten nicht. Mira saß still und ließ es geschehen und merkte, wie müde sie war. Wie lange war die Nacht gewesen? Wie sehr sie die ganze Zeit nicht daran gedacht hatte, weil Denken teuer war.

„Du hast nicht geschlafen", sagte Hana. Keine Frage.

„Ein bisschen."

„Lüge."

„Ein wenig."

Hana schnitt das Gespräch nicht ab, aber sie hörte auch nicht auf zu arbeiten. „Ich war Krankenschwester", sagte sie. „Notaufnahme, acht Jahre. Ich erkenne erschöpfte Menschen." Sie machte eine kurze Pause. „Ich erkenne auch Menschen, die nicht aufhören, auch wenn sie aufhören sollten."

„Ich kann nicht aufhören."

„Ich weiß." Hana band den letzten Verband fest. „Deshalb bin ich jetzt hier. Damit du es wenigstens manchmal kannst."

Mira schaute auf ihre verbundenen Hände. Auf die Frau, die sie verbunden hatte, ohne zu fragen, ob sie gut genug war, ohne ihre Werte zu überprüfen, ohne das Urteil in einer Sekunde zu fällen.

Sie drückte den Bestätigen-Knopf.

Das Standortsignal war ihr jetzt egal. Wer auch immer Level 12 kam oder nicht , würde eine Basis finden, nicht eine einzelne Frau im Dunkeln.

Die nächsten kamen im Abstand von Stunden.

Zuerst Theo, ein Mann Ende vierzig, ehemaliger Koch, breite Hände und ein Panel, das zeigte: Kampfwerte null, aber eine neue Kategorie, die Mira noch nicht gesehen hatte. Handwerkspotenzial: hoch. Er fiel nicht durch den Spalt. Er fand den Seitengang, den Mira auf der Karte gesehen, aber noch nicht geöffnet hatte, und stand plötzlich einfach da, mit einem Rucksack voller Lebensmittel, die er aus einem nahen Lagerraum gerettet hatte, bevor die Monster kamen.

Er schaute sich um. Schaute auf die Wände. Schaute auf Mira.

„Ich koche", sagte er. „Sagt mir, wo."

Mira zeigte ihm die Karte. Er nickte, als wäre es selbstverständlich, und fing an.

Dann kam ein Teenager , siebzehn, nannte sich nur K, Kampfwerte bei zwei, aber ein Auge für Strukturen, das das System als architektonisches Gespür markierte. Er sagte wenig, arbeitete viel und aß das Essen, das Theo aus dem Rucksack bereitstellte, so schnell, dass Mira vermutete, er hatte seit dem System-Tag nichts gegessen.

Und dann ganz zuletzt, als der rote Himmel durch den Spalt dunkler wurde und etwas wie Nacht bedeutete , eine Frau um die sechzig, die Mira nur Frau Okafor nannte, weil sie keinen anderen Namen gab. Sie sprach wenig. Aber sie setzte sich in die Ecke, schaute das Panel an, das Mira ihr zeigte, und begann, die Ressourcenmarkierungen zu lesen wie jemand, der sehr lange mit Karten gearbeitet hatte.

„Geologin", sagte sie einmal, kurz. Das war Erklärung genug.

Fünf Menschen. In einem Tag.

Mira schaute sie alle an, Hana, die Wunden versorgte. Theo, der fast nichts zu essen machte. K, der Wände abklopfte und Schwachstellen markierte. Frau Okafor, die die Karte las. Ren, der Bruno hielt und jedem erklärte, warum Stegosaurier unterschätzt wurden.

Das System öffnete eine neue Option auf ihrem Panel.

BEVÖLKERUNGSBINDUNG VERFÜGBAR. AKTUELLE BEVÖLKERUNG: 5. BINDUNG AKTIVIEREN?

Mira die Beschreibung darunter. Gebundene Bevölkerung konnte die Basis nicht verraten , das System selbst verhinderte es, bestraft wurde Verrat automatisch. Gebundene Bevölkerung bekam Schutzprotokoll. Und die Architektin bekam ein klareres Bild davon, was jede Person konnte und brauchte.

Sie zögerte genau eine Sekunde.

Dann drückte sie bestätigen.

Die fünf Menschen in der Kammer leuchteten golden auf alle gleichzeitig, kurz, warm. Ren schaute an sich runter, dann zu Mira. Hana hob die Hand und schaute sie an, als wäre sie neu. Theo hörte auf zu rühren.

BASIS-BEVÖLKERUNG GEBUNDEN. SCHUTZPROTOKOLL AKTIV. ARCHITEKTIN-VERBINDUNG: HERGESTELLT.

Mira spürte es.

Nicht auf dem Panel. In der Brust. Als hätte etwas geklickt, als wären diese fünf Menschen jetzt Teil von etwas, das sie verantwortete. Nicht weil das System es sagte. Weil sie ja gedrückt hatte.

Theo stellte fünf Portionen hin gleichmäßig aufgeteilt, keine Bevorzugung.

Sie aßen zusammen, das erste Mal seit dem System-Tag, das Mira aß, und das Essen schmeckte nach nichts Besonderem, aber es war warm und es war da, und niemand fragte nach Levels oder Klassen oder Werten.

Ren saß neben Mira. Er schwieg eine Weile, was selten war.

Dann sagte er: „Mira."

„Hm."

Er hielt sein Panel schräg nicht seins, er hatte noch keins, er schaute auf den Rand ihrer Karte, der bis zu ihm reichte, und zeigte auf einen Punkt, den sie nicht markiert hatte.

„Was ist das?"

Mira schaute hin.

Tief. Sehr tief. Unter der Wasserader, unter dem Fundament, unter allem, was sie bisher auf der Karte gesehen hatte. Eine Markierung, die das System noch nicht beschriftet hatte, weil sie zu weit weg war, aber die leuchtete. Pulsierend. Warm.

Sie tippte darauf.

RESSOURCENKNOTEN ERKANNT. TIEFE: 40 METER. INHALT: UNBEKANNT SCAN ERFORDERLICH. GESCHÄTZTE GRÖSSE: MASSIV. STATUS: UNENTDECKT. KEIN ANDERER ÜBERLEBENDER HAT DIESEN KNOTEN GESCANNT.

Mira das letzte Wort dreimal.

Massiv.

Unentdeckt.

Sie schaute auf die Kammer um sie herum , die Wände, die sie in einer Nacht gebaut hatte, die fünf Menschen, die am ersten Tag gekommen waren, das Wasser, das langsam floss.

Und dann schaute sie auf die Tiefe unter ihnen, die vierzig Meter, die das System als massiv beschrieb und die noch niemand gefunden hatte.

Nicht Damon. Nicht Sera. Nicht der Mann mit dem Level-12-Panel und dem Urteil in einer Sekunde.

Nur sie.

„Ren", sagte sie leise.

„Ja?"

„Du hast gerade alles verändert."

Er schaute auf Bruno. Dann auf sie. Dann, ganz nüchtern: „Bruno auch. Er wollte, dass ich hinschaue."

Mira schaute auf den Ressourcenknoten, der pulsierte wie ein zweites Herz unter dem Boden, und für das erste Mal seit dem System-Tag dachte sie nicht daran, zu überleben.

Sie dachte daran, zu bauen.

Richtig zu bauen.

Und irgendwo vierzig Meter über ihr und fünf Kilometer nördlich las ein Mann mit einem silbernen Panel und einem Level-12-Urteil gerade seinen zweiten Aufklärungsbericht über eine unterirdische Basis, deren Ressourceneffizienz seine eigene Operation bereits übertraf.

Er legte den Bericht nicht beiseite diesmal.

Er faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Tasche.

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